Habilitationsprojekte

Andrea B. Braidt

Erregung erzählen. Film-Perspektivierung, Gender, Empathie

"Erregung erzählen" analysiert die Geschlechterdimension filmischer Erzählperspektive und zeigt am Beispiel der "Körpergenres" Horrorfilm, Melodrama und Porno, wie filmische Perspektivierung das Empathisieren der ZuschauerInnen steuert. Als grundlegendes Prinzip filmischer Erzählweise muss, so die Grundannahme des Projekts, narrative Perspektivierung als Zusammenspiel filmischer Mittel betrachtet werden, welche die ideologischen, moralischen und subjektiven Implikationen von Point-of-View, Fokalisierung und Erzählhaltung vermitteln.

Anke Charton  

Between practices and projections: new perspectives on Siglo de Oro theatre

In a contemporary climate where categories such as affect, nostalgia and contested facticity do gain popularity in considering history as a cultural practice, the imagination of a past 'Golden Age' and its subsequent evocations gain importance as a pattern of localizing identities in and as (historical) performance.
The project takes its trajectory from a double observation of Siglo de Oro theatre as, on the one hand, a performance practice both past and present, and as a cultural topos on the other hand: 'the' Siglo de Oro, coined as term only in retrospect, is omnipresent as cornerstone of Spanish cultural heritage in politics, academia and education, yet its canon theatre repertory figures less in performance than as a reference.
Investigating this divide of practice past and projection present, the focus of the study is two-fold: it examines the Siglo de Oro narrative as a site of staging national and cultural identity, addressing its positionality, and contrasts it with a look at performance practices of the 16th and 17th centuries, particularly in regards to their shifting in and out of a realm of a newly forming professional secular theatre against the larger backdrop of Iberian festival culture.
Siglo de Oro theatre, while a central field of studies within Spanish Philology, has received far less attention from a perspective of Performance Studies, which is the aim of this project. In addition to amplifying research on Early Modern dynamics of festival and theatre, it serves as a case study applicable to current paradigms of localizing the cultural self.

Silke Felber

Travelling Gestures.
Elfriede Jelineks Tragödienfortschreibungen aus transdisziplinärer Perspektive

Die Forschung zu Elfriede Jelinek, Österreichs einziger Literaturnobelpreisträgerin, hat sich in den letzten Jahren zu einem fast eigenständigen Gebiet der germanistischen Literaturwissenschaft, aber auch der internationalen Theaterwissenschaft entwickelt. Umso erstaunlicher ist es, dass die intertextuellen bzw. –strukturellen Bezüge auf die theatrale Diskursform der Tragödie, die Jelineks Theatertexte seit Ein Sportstück (1999) quasi ausnahmslos prägen, bislang noch nicht systematisch aufgearbeitet worden sind. Das vorliegende Projekt intendiert, diese Forschungslücke zu schließen und die daraus resultierenden Ergebnisse in die Jelinek-Forschung, in den wissenschaftlichen Diskurs zum so genannten postdramatischen Theater (Lehmann) sowie in die aktuelle Theoriedebatte zur Rückkehr des Tragischen einzuspeisen. Das Vorhaben stützt sich auf die Prämisse, dass Jelineks Tragödienfortschreibungen auf einem von Montage und Zitat inspirierten Modus der Unterbrechung basieren und somit als gestisches Theater gefasst werden können. Mit Samuel Weber, der im Rekurs auf Walter Benjamin festhält, dass Gesten nicht ausgeführt, sondern nur aufgeführt werden können, wird davon ausgegangen, dass Jelineks Tragödienfortschreibungen genuin an eine performative Aufführung gebunden sind und nicht losgelöst davon analysiert werden können. Im Fokus steht die Frage, welche Gesten diese Texte im Berühren virulenter Themen hervorbringen und wie sich solche Gesten in bestimmten Aufführungen materialisieren. Wie verfahren Text und Aufführung mit strukturellen Bauteilen der Tragödie (Prolog, Epilog, Botenbericht, chorischen Passagen etc.)? Welche demokratiepolitischen, natio-ethno-kulturellen und genderspezifischen Diskurse werden dadurch aufgegriffen? Welche Zeiten und Räume erscheinen durch den Rekurs auf affektive Gesten wie jene der Klage, der Schmähung oder der Rache in einem Bild? Welche Reiserouten können zwischen antikem Prätext, Fortschreibung und Aufführung nachgezeichnet werden und welche intermedialen Prozesse stehen damit in Zusammenhang?
Ausgehend von diesen Fragen werden Jelineks Tragödienfortschreibungen sowie ausgewählte Aufführungen dieser Texte transdisziplinär ausgerichteten Cross-Readings unterzogen, die sich an der Schnittstelle von literatur- und theaterwissenschaftlichem Erkenntnisinteresse befinden. Entwickelt wird ein innovatives Analyseinstrumentarium für ästhetische Produktionen, denen mit Modellen der herkömmlichen Dramen- und Aufführungsanalyse nicht (mehr) gerecht werden kann. Die methodenpluralistische Arbeit verknüpft im Rückgriff auf das Phänomen der Geste Tragödienforschung mit Ansätzen der Performance Studies, der politischen Theorie, der kulturwissenschaftlich ausgerichteten Affect Studies sowie einer im Entstehen begriffenen Theorie von Invektivität. „Geste“ wird in diesem Zusammenhang im Sinne Mieke Bals als Travelling Concept begriffen, das zwischen unterschiedlichen Disziplinen, aber auch zwischen Text(en) und Aufführung(en) changiert.
Die erstmalige systematische Aufarbeitung der Tragödienbezüge bei Jelinek berührt zentrale soziopolitische Diskurse unserer Zeit, stellt diese in einen historischen wie globalen Kontext und versteht sich somit als gesellschaftlich relevante Grundlagenarbeit.

Eva Krivanec

Experimentierfeld Vergnügungskultur. Ästhetik und Geschichte theatraler Unterhaltung in Europas Metropolen, 1860–1930 (Arbeitstitel)

Das Projekt "Experimentierfeld Vergnügungskultur" setzt sich zum Ziel, eine Geschichte der frühen populären Unterhaltungsgenres auf den Bühnen der europäischen Metropolen mit Blick auf ihre Ästhetik zu schreiben, ohne dabei ihre gesellschaftliche und politische Dimension aus den Augen zu verlieren. Die grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen, die zur Entstehung moderner Vergnügungs­kultur in Europa geführt haben, sind leicht zu benennen: die industrielle Revolution und in ihrer Folge die rasante Urbanisierung. In den europäischen Metropolen bildete sich ein Massen­publikum heraus, das von einem immer vielfältigeren Angebot an Unterhaltung angesprochen werden sollte. Konnten die kommerziellen Genres theatraler Unterhaltung – so paradox es klingen mag – einen Raum für das Erproben neuer künstlerischer Formen bieten? Die Geschichte der populären Theatergenres – Variété, Revue, Zirkus, Kabarett, aber auch Schwänke, Operetten oder Sensationsstücke – ist im Hinblick auf ihre spezifischen Ästhetiken noch nicht ausreichend unter­sucht worden. Die transnationale Perspektive des Projekts ermög­licht einerseits, die rasche internationale Zirkulation von Stücken, Ideen und Produk­tionen, sowie die Mobilität der Theaterleute selbst zu untersuchen, und andererseits lokale Spezifika und interna­tionale Gemeinsamkeiten der populären Theater­genres zu analysieren. Das Projekt kombiniert historische Grundlagenforschung mit ästhetischer Analyse, die in drei Schritten, zunächst für einzelne Aufführungen, Künstler/innen oder Theater erstellt werden soll, dann in einem Vergleich über nationale und Genre-Grenzen hinweg, und schließlich in eine historiogra­phische Einordnung und Einbettung in den lokalen und zeitlichen Kontext münden soll.

Vrääth Öhner

Archäologie des Amateurfilms. Ausgrabungen zur visuellen Kultur der Moderne (Arbeitstitel)

Ausgehend von einem rund 5.000 Rollen umfassenden Bestand des Österreichischen Filmmuseums sollen Themenstellungen, Motivkomplexe und ästhetischen Formen des Amateurfilms in ihrer gegebenen Heterogenität historisch rekonstruiert und mit jenen kulturellen Praktiken in Beziehung gesetzt werden, deren Resultat und Ausdruck sie sind. Auf diese Weise kommt das Projekt zwei Forderungen nach, die in der rezenten Theoriebildung zum Amateurfilm wiederholt geäußert wurden: Zum einen die Untersuchung seiner kulturellen Praktiken vom Familienfilm auf die Produktion so genannter ambitionierter Amateure auszuweiten, zum anderen, dies mit Blick auf die historische Entwicklung der ästhetischen Formen zu tun; und zwar um feststellen zu können, welche Faktoren – technologische Entwicklungen, sozialgeschichtliche Aspekte und intermediale Referenzen – ihrer beider Genese bestimmen. Insgesamt geht es der Untersuchung also darum, die in beiden Spielformen des Amateurfilms enthaltene Fülle an faktischen, historischen, sozialen und materialen Informationen über die visuelle Kultur der Moderne freizulegen und dazu das methodische und analytische Instrumentarium zu entwickeln.

Isolde Schmid-Reiter

Kinderoper in Österreich: Ästhetik, Spielformen, Spielräume

Sehr disparat mutet den Betrachter an, was er als Musiktheater für Kinder und Jugendliche vorfindet. Funktionalität im pädagogischen Kontext und ausgeprägter Kunstanspruch markieren die beiden Pole, in deren Spannungsfeld sich dieses Genre bewegt. Die Frage, wie sich Kinderoper, den Gattungsgrundgesetzen der Oper und ihren zeitlosen Parametern gehorchend, definieren kann, bedeutet, den Spielraum der Gattung mit Blick auf die gegenwärtige Situation in seinen Varianten, Traditionslinien, dramaturgischen Mustern und ästhetischen wie formalen Grundlagen auszuloten.