Dissertationsprojekte

Valerie Dirk

Realistische Ästhetiken im Kontext Europäischer Filmfestivals

Europäische Filmfestivals kann man als komplexe kulturpolitische Schauplätze begreifen, auf denen sich filmische Ästhetiken und Politiken manifestieren, welche auffällig häufig auf soziale Realitäten Bezug nehmen. Basierend auf dieser Prämisse untersucht die Dissertation Realismus-Diskurse rund um FIAPF-akkredierte A-Festivals – insbesondere anhand der Berichterstattung zu den Festivals in Cannes, Berlin, Karlovy Vary und Venedig –, um die Hervorbringung von Realismus/Wahrheits- und Weltbezügen auf filmkultureller Ebene in Europa seit den 1990er-Jahren zu befragen. Indem realistische Ästhetiken und Narrative mit institutionellen Rahmungen und paratextuellen Zuschreibungen zusammengedacht werden, sollen neue Perspektiven auf die film- und medienwissenschaftliche Realismusdebatte eröffnet werden.

Theresa Eisele

Von Theater- und Gesellschaftsvorstellungen: Theatralität und Jüdisch-Sein in der Wiener Moderne

Die theatrale Dimension jüdischer Erfahrung in der Moderne ist Ausgangspunkt des Dissertationsprojekts, das Jüdische Geschichte und Theatergeschichte des Wiener Fin de Siècle verbindend befragt. Es verfolgt dabei anhand von historiographischen Materialstudien die Aushandlung von jüdischer Zugehörigkeit im Zusammenhang mit der Marginalisierung und Legitimation bestimmter Theatertraditionen. Diese theater- und kulturhistorischen Verdrängungs- und Aufwertungsprozesse werden im Gefüge in ihren räumlichen und zeitlichen Dimensionen versteh- und erzählbar; sie werfen darüber hinaus Fragen nach Menschen- und Gesellschaftsvorstellungen der Moderne – ausgehandelt auf den Theater- und Lebensbühnen Wiens – auf.

Birgit Haberpeuntner

Beyond “The Task of the Translator”: Walter Benjamin and Cultural Translation

Seit Jahren ist in den Geistes- und Kulturwissenschaften ein wachsendes Interesse an Übersetzungsprozessen zu beobachten, die sich von linguistischen/literarischen Parametern zunehmend loszulösen versuchen. Dieser Prozess lässt sich besonders deutlich anhand aktueller Debatten zu „Cultural Translation“ nachvollziehen. In verschiedenen disziplinären Kontexten werden immer neue Bedeutungen des Konzepts ausgelotet, Referenzrahmen neu gesetzt bzw. erweitert, und voneinander teils stark divergierende Ansätze formuliert. Es gibt aber eine auffällige Konstante im Theorierepertoire dieser unterschiedlichen Ansätze: Fast alle verweisen an prominenter Stelle auf Texte Walter Benjamins. In dem vorliegenden Projekt beschäftigt sich Birgit Haberpeuntner mit der außergewöhnlich breiten Rezeption Benjamins im Kontext dieser aktuellen Debatten zu kultureller Übersetzung. Wird Benjamin hier heraufbeschworen um ein neues, umstrittenes Konzept zu etablieren? Oder fo(e)rdert gerade dieses zwischen Disziplinen wandernde Konzept die Entdeckung ‚neuer Benjamins’? Mit diesen Fragen im Hinterkopf werden intertextuelle Übernahmen auf Brüche und Verschiebungen, aber auch auf die Möglichkeit hin untersucht, neue Denk- und Bildräume zu eröffnen.

Louise Haitz

Authentisch Leiden
Mediale Formatierungen der Un-/Glaubwürdigkeit in Fällen sexualisierter Gewalt

Das Dissertationsprojekt nimmt die medialen Verhandlungen von sexualisierter Gewalt in den Blick. Dabei liegt der Fokus auf der Herstellung von Un-/Glaubwürdigkeit: wer ist ein un-/glaubwürdiges Opfer?; wer ist glaubwürdig betroffen?, welche Taterzählung wird (nicht-)geglaubt?, welche soziale Reaktion (Strafe? Milde? Zweifel?) wird für angemessen befunden? Hierbei wird untersucht, welche Akteure und Autoritäten die Stelle der Glaubwürdigkeit besetzen und welche Macht/Wissen-Relationen den Rahmen setzen, in dem eine Aussage als wahr und ein Subjekt als glaubwürdig in Erscheinung treten. Das heißt, die Frage der Glaubwürdigkeit wird in der Dissertation nicht beantwortet werden, sondern als Dispositiv begriffen und beschreibbar gemacht. Die medienwissenschaftliche These der Dissertation ist, dass die medialen Spezifika, das heißt Ästhetiken, Formate und Diskursordnungen bedingen wer glaubwürdig ist und wer nicht und damit bestimmen, wie in der heutigen Gesellschaft (in AT und BRD) mit der Realität von sexualisierter Gewalt umgegangen wird. Für die Analyse spielen hier etwa der Stil des Dokumentarischen auf Bildebene; mediale Verfahren, die Nähe und Distanz herstellen (Kameraeinstellung, Sound); die narrative Strukturierung der Vermittlung von Ereignissen etc. eine Rolle. Die medienspezifische Installation von Autoritäten und Macht/Wissen-Relationen als bedingender Rahmen der Un-/Glaubwürdigkeit wird mithin grundlegend als Effekt medialer Verfahren begriffen, die dispositiv- und medienanalytisch untersucht werden können. Die Dissertation wird verschiedene mediale Formate der Verhandlung sexualisierter Gewalt bearbeiten, die die Un-/Glaubwürdigkeit formatieren. Darunter fallen die TV-Talkshow, der Web-Blog und Selbsthilfepodcast, sowie der narrative und der dokumentarische Film.


Melanie Konrad

(An-)Ordnungen von Familiarität. Trans- und Intermediale Verhandlungen von Queer Kinship in fotografischen Medien

Die aktuelle erhörte Sichtbarkeit und juridische Legitimation der Bedingungen von Queer Kinship in westlichen Industriestaaten verweist auf eine Form der sozialen Stabilisierung von queeren Familienverhältnissen und familienähnlichen Beziehungsnetzen. Die (De-)Konstruktion von Familie liegt jedoch im Zentrum der immer wieder heftig geführten politischen Auseinandersetzungen um LGBTIQ*-Themen, weil LGBTIQ*-Praxen und deviante Sexualitäten in vielfacher Hinsicht die Herrschaft der Normen der bürgerlichen Kleinfamilie als ,Keimzelle der Gesellschaft in Frage stellen. Das Familienfotoalbum und das Familien-Home-Video – als Artefakte, die arrangieren, dokumentieren, konservieren und erinnern – können als Medien der (An-)Ordnungen von Familiarität begriffen werden. Politisch fassbar werden solche künstlerisch-medialen und gleichzeitig alltagspraktischen Äußerungen vor allem im Widerstand gegen soziopolitische Normen und Gemeinplätze, wie die (hetero-)normative zeitliche und semantische Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft. Durch die selbstständige Herstellung und Erarbeitung von Inhalten im Zuge dieser Albenverfahren handelt es sich um Formen des selbstreflexiven Medienhandelns und Verarbeitens von Erfahrungen, die erinnert werden sollen. Erinnerung und Gedenken sind dabei konstitutiv und reziprok an Subjektivierungen gebunden; dieser Prozess ist komplex und stetem Wandel unterworfen. Welche Entwicklungen und Diskurse geben Aufschluss über die Historizität performativer Praktiken von queerer Familiarität? Wie werden verschiedene Gender und Sexualitäten über Medien im Kontext von queerer Familiarität/queer Kinship konstruiert und produziert? Welche Funktionen haben fotografische Medien und Albenverfahren in der Produktion und Rezeption von Narrativen und Ästhetiken, die queere Familiarität herstellen?
Das Ziel des Dissertations-Projektes ist die Erforschung von Medienlogiken des Arrangierens und (An-)Ordnens von Familiarität aus einer queer-feministischen, medienkulturwissenschaftlichen Perspektive. Das dafür notwendige analytische Instrumentarium wird am konkreten Material entwickelt und bezieht sich auf medienwissenschaftliche Gouvernementalitätsforschungen (nach Foucault), queer-feministische Medientheorien und -analysen (nach Butler und Halberstam) sowie bestimmte Stränge der medienbezogenen Kritischen Theorie (nach Benjamin und Kluge).

Laura Katharina Mücke

Anti | Immersion? Zur Performativität filmischer Erfahrung zwischen Annäherung und Distanzierung

In der zeitgenössischen Begeisterung für die immersiven Möglichkeiten medialer Erfahrung, in der der unmittelbare Kontakt zwischen Medium und Rezipient*in schier unabdingbar geworden ist, ist das Potenzial eines dazu gegenteiligen Prozesses in den Hintergrund gerückt: der Faktor der Distanznahme. Mit der Betitelung ‚Anti | Immersion‘ wird mit dieser Arbeit ein neuer Zugang zum Wirkungsbegriff der Immersion vorgeschlagen, der dem näheerzeugenden Prozess der Immersion die Eigenschaft der gleichzeitigen Schaffung von Distanz angliedert. Immersion ist hierfür in der Forschungstradition der Phänomenologie als doppelseitiges Changieren zu begreifen, durch das die Positionierungen von Werk und Rezipient*in zueinander während der Betrachtung stetig neu ausgelotet werden. Annäherungen und vor allem Distanzierungen begreift die Arbeit in diesem Zuge konkret als Prozesse, welche die innerfilmischen und außerfilmischen Wirklichkeitsebenen verknüpfen und ein ganzheitliches, mehrschichtiges Erlebnis evozieren. Hierfür tätigt die Arbeit einen Blick auf konkrete situative Kontexte der Erfahrung, um zu erweisen, dass der rein semantisierende Zugang zum Film heute ganz entscheidende Komponenten filmischer Rezeption und ihrer lebensweltlichen Verankerung (Kontexte, Dispositive, Institutionen, Historiografie) außen vor lässt. Die damit erreichte Dynamisierung des filmischen Wirkbegriffes will den komplexen Herausforderungen heutiger hybrider Medienerfahrung wissenschaftlich begegnen und Phänomene wie das Vaudeville-Theater, das Expanded Cinema, das Secret Cinema und den interaktiven Spielfilm ins Visier nehmen.

Stefan Schweigler

Shame und Pain. Mediale Dispositive des Zuhauses im Kontext queerer Affekte (Arbeitstitel)

Es gibt künstlerische ebenso wie populärkulturelle mediale Phänomene, die sich auf kritische Weise queer neuerlich dem politischen Refugium der häuslichen Innerlichkeit annehmen, dabei aber weder homonormative Wohnträume, noch ‚Gay Pride‘ adressieren. Das Projekt untersucht jene Art von aktuellen, queeren und queerfeministischen medialen Praxen und Motiven des Zuhauses, der Privatheit und des Wohnens, welche Räume schwächend negativer Affekte und Gefühle artikulieren.
Die Arbeit entwickelt und verteidigt damit das Konzept und die Beobachtung eines Domestic Turns im Bereich queerer Politiken, der gegenwärtig prägend für Verständnisse von Widerstand im Queerfeminismus ist. Durch das Reflektieren der Geschichte häuslicher Medien antwortet die Häufung queerer Zuwendungen zu schwächenden Bad Feelings auf ambivalente Entwicklungen im Wohnen (Smart Homes und Home Offices zum einen, Gentrifizierung, Prekarität und Depression zum anderen) sowie auf die Geschichte politischer queerer Affekte im Modus des Punk- bzw. Empört-Seins (Queercore) oder des freudvollen Proud-Out-Loud-Seins (Gay Pride).
Mit einem gemischten methodischen Zugang von Dispositivanalyse, Medienökologie und ANT-naher Passivitätstheorien versucht das Projekt den kritisch queeren Einsatz häuslicher Medien als eine spezifische techné (Rancière) zu verstehen, welche verglichen mit dem Smart Home als wesentlich andere Idee vom ,Connected Home‘ definiert werden soll, da diese queere techné ethische Konzepte von Empathie und Solidarität auf ihre politische Agenda setzt.

Stefan Sulzenbacher

Posttelevisuelle Selbsttechnologien. Männlich-vergeschlechtlichende Subjektivierungen anhand rezenter serieller Narrative aus akteur_innen-netzwerk-theoretischer und dispositivanalytischer Perspektive (Arbeitstitel)

Das Forschungsvorhaben beschäftigt sich mit gegenwärtigen Prozessen der Transformation, Multiplikation und Rekonfiguration jener medialen Praktiken, die zwar alltagsweltlich immer noch unter dem Begriff "Fernsehen" subsumiert werden, dabei jedoch gleichzeitig nicht [mehr] an ein eindeutig bestimmbares Medium gebunden sind und theoretisch dementsprechend als "Posttelevisualität" reflektiert werden. In diesem Zusammenhang verändert sich auch das, was unter "Fernsehserien" und ihrem angemessenen Rezeptionsmodus verstanden wird, zusehenden Auges.Diese Verschiebungen wurden in aktuellen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen aus unterschiedlichsten, jedoch meist klar voneinander abgetrennten Perspektiven untersucht. Ziel des Forschungsprojektes ist es im Gegensatz dazu, Phänomene [post-]televisueller Serialität und die damit einhergehenden Konstruktionen von Geschlecht aus einer umfassenden Perspektive zu beleuchten, die sich nicht auf innertextliche Bedeutungsebenen begrenzt, sondern systematisch versucht, deren Verschränkungen mit medientechnischen Formen und sozio-technischen, kulturellen und politischen Produktionsbedingungen in den Blick zu nehmen. Dies soll durch eine erstmalige Behandlung des Gegenstandbereiches unter männlichkeitskritischen, akteur_innen-netzwerk-theoretischen und dispositivanalytischen Vorzeichen geleistet werden.Anhand der Analyse ausgewählter serieller Narrative zielt das Forschungsprojekt darauf aufzuzeigen, wie im Zusammenhang mit aktuellen "Fernsehserien" männlich-vergeschlechtlichende Subjektivierungen als Effekte posttelevisueller Selbsttechnologien beschreibbar werden, die ihrerseits wiederum als Teil einer gegenwärtigen medialen Gouvernementalität verstanden werden.

Sara Tiefenbacher

'Cultural mobility'. Österreichische Dramatiker_innen in Polen. Polnische Dramatiker_innen in Österreich: ein interkultureller Theaterdiskurs (Arbeitstitel)

Das Dissertationsprojekt behandelt die kulturelle Mobilität zwischen Polen und Österreich am Beispiel der zeitgenössischen Theaterszenen. An der Schnittstelle von Theaterhistoriografie, Kulturwissenschaft sowie Politik- und Soziogeschichte beschreibt und dokumentiert diese Arbeit Beispiele kultureller Mobilität anhand ausgewählter Inszenierungen. In den Blick genommen werden polnische und österreichische Akteur_innen wie der Regisseur Krystian Lupa, der Autor Thomas Bernhard sowie die Autorin Małgorzata Sikorska-Miszczuk als auch Theaterfestivals wie die Wiener Festwochen. Mit dem Konzept der kulturellen Mobilität bezieht das Projekt transnationale Ansätze (‚mobility studies‘) mit ein. Es betrachtet den gegenseitigen Austausch aus zweierlei Perspektiven. Diese Untersuchung der Theaterbeziehungen zwischen Polen und Österreich leistet für den Forschungsbereich einen wesentlichen Beitrag in Bezug auf die zeitliche Entwicklungsperspektive, die theaterhistorische und (kultur-)politische Kontextualisierung der jeweiligen Beispiele und dem Fokus auf Mobilität. Ziel ist anhand von Fallbeispielen (Theaterproduktionen) unterschiedliche Formen kultureller Mobilität darzulegen sowie aufzuzeigen, welche Perspektiven sich durch den gegenseitigen (interkulturellen) Theaterdiskurs zwischen Polen und Österreich eröffnen.