Dissertationsprojekte

Melanie Konrad

(An-)Ordnungen von Familiarität. Trans- und Intermediale Verhandlungen von Queer Kinship in fotografischen Medien

Die aktuelle erhörte Sichtbarkeit und juridische Legitimation der Bedingungen von Queer Kinship in westlichen Industriestaaten verweist auf eine Form der sozialen Stabilisierung von queeren Familienverhältnissen und familienähnlichen Beziehungsnetzen. Die (De-)Konstruktion von Familie liegt jedoch im Zentrum der immer wieder heftig geführten politischen Auseinandersetzungen um LGBTIQ*-Themen, weil LGBTIQ*-Praxen und deviante Sexualitäten in vielfacher Hinsicht die Herrschaft der Normen der bürgerlichen Kleinfamilie als ,Keimzelle der Gesellschaft in Frage stellen. Das Familienfotoalbum und das Familien-Home-Video – als Artefakte, die arrangieren, dokumentieren, konservieren und erinnern – können als Medien der (An-)Ordnungen von Familiarität begriffen werden. Politisch fassbar werden solche künstlerisch-medialen und gleichzeitig alltagspraktischen Äußerungen vor allem im Widerstand gegen soziopolitische Normen und Gemeinplätze, wie die (hetero-)normative zeitliche und semantische Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft. Durch die selbstständige Herstellung und Erarbeitung von Inhalten im Zuge dieser Albenverfahren handelt es sich um Formen des selbstreflexiven Medienhandelns und Verarbeitens von Erfahrungen, die erinnert werden sollen. Erinnerung und Gedenken sind dabei konstitutiv und reziprok an Subjektivierungen gebunden; dieser Prozess ist komplex und stetem Wandel unterworfen. Welche Entwicklungen und Diskurse geben Aufschluss über die Historizität performativer Praktiken von queerer Familiarität? Wie werden verschiedene Gender und Sexualitäten über Medien im Kontext von queerer Familiarität/queer Kinship konstruiert und produziert? Welche Funktionen haben fotografische Medien und Albenverfahren in der Produktion und Rezeption von Narrativen und Ästhetiken, die queere Familiarität herstellen?
Das Ziel des Dissertations-Projektes ist die Erforschung von Medienlogiken des Arrangierens und (An-)Ordnens von Familiarität aus einer queer-feministischen, medienkulturwissenschaftlichen Perspektive. Das dafür notwendige analytische Instrumentarium wird am konkreten Material entwickelt und bezieht sich auf medienwissenschaftliche Gouvernementalitätsforschungen (nach Foucault), queer-feministische Medientheorien und -analysen (nach Butler und Halberstam) sowie bestimmte Stränge der medienbezogenen Kritischen Theorie (nach Benjamin und Kluge).

Birgit Haberpeuntner

Beyond “The Task of the Translator”: Walter Benjamin and Cultural Translation

Seit Jahren ist in den Geistes- und Kulturwissenschaften ein wachsendes Interesse an Übersetzungsprozessen zu beobachten, die sich von linguistischen/literarischen Parametern zunehmend loszulösen versuchen. Dieser Prozess lässt sich besonders deutlich anhand aktueller Debatten zu „Cultural Translation“ nachvollziehen. In verschiedenen disziplinären Kontexten werden immer neue Bedeutungen des Konzepts ausgelotet, Referenzrahmen neu gesetzt bzw. erweitert, und voneinander teils stark divergierende Ansätze formuliert. Es gibt aber eine auffällige Konstante im Theorierepertoire dieser unterschiedlichen Ansätze: Fast alle verweisen an prominenter Stelle auf Texte Walter Benjamin. In dem vorliegenden Projekt beschäftigt sich Birgit Haberpeuntner mit der außergewöhnlich breiten Rezeption Benjamins im Kontext dieser aktuellen Debatten zu kultureller Übersetzung. Wird Benjamin hier heraufbeschworen um ein neues, umstrittenes Konzept zu etablieren? Oder fo(e)rdert gerade dieses zwischen Disziplinen wandernde Konzept die Entdeckung ‚neuer Benjamins’? Mit diesen Fragen im Hinterkopf werden intertextuelle Übernahmen auf Brüche und Verschiebungen, aber auch auf die Möglichkeit hin untersucht, neue Denk- und Bildräume zu eröffnen.

Theresa Eisele

Von Theater- und Gesellschaftsvorstellungen: Theatralität und Jüdisch-Sein in der Wiener Moderne

Die theatrale Dimension jüdischer Erfahrung in der Moderne ist Ausgangspunkt des Dissertationsprojekts, das Jüdische Geschichte und Theatergeschichte des Wiener Fin de Siècle verbindend befragt. Es verfolgt dabei anhand von historiographischen Materialstudien die Aushandlung von jüdischer Zugehörigkeit im Zusammenhang mit der Marginalisierung und Legitimation bestimmter Theatertraditionen. Diese theater- und kulturhistorischen Verdrängungs- und Aufwertungsprozesse werden im Gefüge in ihren räumlichen und zeitlichen Dimensionen versteh- und erzählbar; sie werfen darüber hinaus Fragen nach Menschen- und Gesellschaftsvorstellungen der Moderne – ausgehandelt auf den Theater- und Lebensbühnen Wiens – auf.

Valentin Mertes

"Der Film entsteht im Kopf des Zuschauers." Ästhetische Verfahren bei Alexander Kluge (Arbeitstitel)

Die multimediale Arbeitsweise Alexander Kluges stellt Literatur, Film und Fernsehen, Theorie und digitale Medien in einen kommunizierenden Zusammenhang. Seit nun mehr als einem halben Jahrhundert begleitet der "einzige Projektemacher großen Formats, den wir heute haben" – wie Jürgen Habermas seinen Freund zum 70. Geburtstag charakterisierte – die Kultur- und Zeitgeschichte mit diesen intertextuellen Versuchsanordnungen. In meiner Dissertation liegt der Fokus auf den letzten drei Kinofilmen der 1980er Jahre Die Macht der GefühleDer Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit und Vermischte Nachrichten, die den thematischen Ausgangspunkt bilden, um zentrale medienästhetische Verfahrensweise in Kluges Werk zu beleuchten.

Stefan Schweigler

Shame und Pain. Mediale Dispositive des Zuhauses im Kontext queerer Affekte (Arbeitstitel)

Es gibt künstlerische ebenso wie populärkulturelle mediale Phänomene, die sich auf kritische Weise queer neuerlich dem politischen Refugium der häuslichen Innerlichkeit annehmen, dabei aber weder homonormative Wohnträume, noch ‚Gay Pride‘ adressieren. Das Projekt untersucht jene Art von aktuellen, queeren und queerfeministischen medialen Praxen und Motiven des Zuhauses, der Privatheit und des Wohnens, welche Räume schwächend negativer Affekte und Gefühle artikulieren.
Die Arbeit entwickelt und verteidigt damit das Konzept und die Beobachtung eines Domestic Turns im Bereich queerer Politiken, der gegenwärtig prägend für Verständnisse von Widerstand im Queerfeminismus ist. Durch das Reflektieren der Geschichte häuslicher Medien antwortet die Häufung queerer Zuwendungen zu schwächenden Bad Feelings auf ambivalente Entwicklungen im Wohnen (Smart Homes und Home Offices zum einen, Gentrifizierung, Prekarität und Depression zum anderen) sowie auf die Geschichte politischer queerer Affekte im Modus des Punk- bzw. Empört-Seins (Queercore) oder des freudvollen Proud-Out-Loud-Seins (Gay Pride).
Mit einem gemischten methodischen Zugang von Dispositivanalyse, Medienökologie und ANT-naher Passivitätstheorien versucht das Projekt den kritisch queeren Einsatz häuslicher Medien als eine spezifische techné (Rancière) zu verstehen, welche verglichen mit dem Smart Home als wesentlich andere Idee vom ,Connected Home‘ definiert werden soll, da diese queere techné ethische Konzepte von Empathie und Solidarität auf ihre politische Agenda setzt.

Stefan Sulzenbacher

Posttelevisuelle Selbsttechnologien. Männlich-vergeschlechtlichende Subjektivierungen anhand rezenter serieller Narrative aus akteur_innen-netzwerk-theoretischer und dispositivanalytischer Perspektive (Arbeitstitel)

Das Forschungsvorhaben beschäftigt sich mit gegenwärtigen Prozessen der Transformation, Multiplikation und Rekonfiguration jener medialen Praktiken, die zwar alltagsweltlich immer noch unter dem Begriff "Fernsehen" subsumiert werden, dabei jedoch gleichzeitig nicht [mehr] an ein eindeutig bestimmbares Medium gebunden sind und theoretisch dementsprechend als "Posttelevisualität" reflektiert werden. In diesem Zusammenhang verändert sich auch das, was unter "Fernsehserien" und ihrem angemessenen Rezeptionsmodus verstanden wird, zusehenden Auges.Diese Verschiebungen wurden in aktuellen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen aus unterschiedlichsten, jedoch meist klar voneinander abgetrennten Perspektiven untersucht. Ziel des Forschungsprojektes ist es im Gegensatz dazu, Phänomene [post-]televisueller Serialität und die damit einhergehenden Konstruktionen von Geschlecht aus einer umfassenden Perspektive zu beleuchten, die sich nicht auf innertextliche Bedeutungsebenen begrenzt, sondern systematisch versucht, deren Verschränkungen mit medientechnischen Formen und sozio-technischen, kulturellen und politischen Produktionsbedingungen in den Blick zu nehmen. Dies soll durch eine erstmalige Behandlung des Gegenstandbereiches unter männlichkeitskritischen, akteur_innen-netzwerk-theoretischen und dispositivanalytischen Vorzeichen geleistet werden.Anhand der Analyse ausgewählter serieller Narrative zielt das Forschungsprojekt darauf aufzuzeigen, wie im Zusammenhang mit aktuellen "Fernsehserien" männlich-vergeschlechtlichende Subjektivierungen als Effekte posttelevisueller Selbsttechnologien beschreibbar werden, die ihrerseits wiederum als Teil einer gegenwärtigen medialen Gouvernementalität verstanden werden.

Sara Tiefenbacher

'Cultural mobility'. Österreichische Dramatiker_innen in Polen. Polnische Dramatiker_innen in Österreich: ein interkultureller Theaterdiskurs (Arbeitstitel)

Das Dissertationsprojekt behandelt die kulturelle Mobilität zwischen Polen und Österreich am Beispiel der zeitgenössischen Theaterszenen. An der Schnittstelle von Theaterhistoriografie, Kulturwissenschaft sowie Politik- und Soziogeschichte beschreibt und dokumentiert diese Arbeit Beispiele kultureller Mobilität anhand ausgewählter Inszenierungen. In den Blick genommen werden polnische und österreichische Akteur_innen wie der Regisseur Krystian Lupa, der Autor Thomas Bernhard sowie die Autorin Małgorzata Sikorska-Miszczuk als auch Theaterfestivals wie die Wiener Festwochen. Mit dem Konzept der kulturellen Mobilität bezieht das Projekt transnationale Ansätze (‚mobility studies‘) mit ein. Es betrachtet den gegenseitigen Austausch aus zweierlei Perspektiven. Diese Untersuchung der Theaterbeziehungen zwischen Polen und Österreich leistet für den Forschungsbereich einen wesentlichen Beitrag in Bezug auf die zeitliche Entwicklungsperspektive, die theaterhistorische und (kultur-)politische Kontextualisierung der jeweiligen Beispiele und dem Fokus auf Mobilität. Ziel ist anhand von Fallbeispielen (Theaterproduktionen) unterschiedliche Formen kultureller Mobilität darzulegen sowie aufzuzeigen, welche Perspektiven sich durch den gegenseitigen (interkulturellen) Theaterdiskurs zwischen Polen und Österreich eröffnen.

Anna K. Windisch

Waltzing on Broadway. Cultural Transfer in Silent Film Music between Vienna and New York

My dissertation project deals with audiovisual performance practices in silent film exhibition by means of an international comparison, focusing on Austrian and American traditions. Due to the axiomatic interdisciplinary nature of film music, my research draws on a variety of fields, including musicology, performance studies, media theory and film history and theory.
Viennese silent film exhibition has not been dealt with on an academic level up to this point, which is a surprising fact considering Vienna's status as a city with great cultural (and especially musical) heritage and history. This evidently reflects the low status of film as an art form in its beginnings during the first years of the 20th century. However, 100 years later, it is time to dig up those practices, reclaim innovative Viennese systems and modes of presentations and save the names of protagonists that were active in silent film accompaniment in Vienna (and beyond) from oblivion. Helpful in this venture will be the comparison with the well-researched North American tradition in order to draw points of similarity, difference and interdependence. The outlined comparison will serve as an investigative device to ascertain where certain practices originated and how they affected other national traditions. This approach will eventually lead to the investigation of the cultural transfer between these two entities during a tumultuous period and relating to various entertainment genres. I will argue how the immigration of Austrian musicians to America around the turn of the century resulted in transfers and exchanges of musical repertoires and styles and subsequently exerted an influence on the development of film music long after the silent period.
With my research results, I aim to respond to the existing knowledge in the field of audiovisual studies in a complementary way to open up the field for further examinations of this topic within regional traditions.