Herzliche Einladung zur Teilnahme am
Call für thewis 2026/1
für Theaterwissenschaftler*innen in der frühe(re)n Berufsphase September 2025
(Theater)Kulturen der Mündlichkeit? Oral History als theaterwissenschaftliches Verfahren.
Die nächste Ausgabe von thewis (2026/1) widmet sich theater- und kulturhistorischen Erzählungen, die im Fachdiskurs noch nicht oder nicht mehr in Betracht gezogen worden sind. Der Fokus soll damit auf die jüngere Vergangenheit gelegt werden, die nicht mehr eindeutig der Theatergeschichte zugehörig scheint oder deren Momente und Narrative bisher noch nicht hinreichend (an)erkannt wurden. Welche Stimmen oder Perspektiven fehlen in der kanonischen historiografischen Beschreibung theaterwissenschaftlicher Gegenstände und Diskurse? Welche Phänomene, Schauplätze und Zusammenhänge werden sichtbar, wenn nicht allein überlieferte Schriftquellen und archivalisch abgelegte Materialien, sondern Zeit- und Augenzeug*innen, Künstler*innen, Personen aus Produktionszusammenhängen, Expert*innen und Akteur*innen eines weiten Feldes von Theater, Tanz und Performance nach ihren Beobachtungen, Erinnerungen und Geschichten befragt werden? Welche Herausforderungen birgt die Arbeit zwischen partikularen Erinnerungen und kulturellem Gedächtnis?
Mit Hilfe der Methode der Oral History ist es möglich, Geschichten aufzuspüren, die bisher unbeachtet geblieben sind, die aber auch aufgrund der fehlenden zeitlichen Distanz besonders schwer auf adäquate, unparteiische und kritische Art und Weise erzählt werden können. Oral History zu betreiben heißt, lebensgeschichtliche Erinnerungen, affektive Erfahrungen und subjektive Perspektiven von Zeitzeug*innen in Interviews aufzuspüren und auf diese Weise ein Wissen akademisch sicht- und diskutierbar zu machen, das (noch) nicht in schriftlichen Quellen dokumentiert ist. Als politischer Ansatz erlaubt Oral History, bislang unbeachtete Wissensbestände, randständige Traditionen und marginalisierte Stimmen – in offen angelegten Gesprächen – kennenzulernen und mit dem bestehenden Fachdiskurs in Dialog zu bringen.
In dokumentarischen oder (auto)biografisch geprägten Theateraufführungen, Reenactments oder Lecture Performances zeigt sich seit mehreren Dekaden eine Tendenz zu Augen- und Zeitzeug*innenberichten. Zahlreiche Dramaturg*innen und Theatermachende der Gegenwart entscheiden sich im Vorfeld der Probenarbeit dafür, Interviews mit Augen- oder Zeitzeug*innen zu führen, um auf Episoden aus der jüngeren Vergangenheit zugreifen zu können und diese später in eine ästhetische (Bühnen-)Form zu bringen. Im Unterschied zu dieser künstlerischen Praxis geht die akademische Historiografie oft ambivalenter mit Arbeitsweisen der Oral History um: einerseits wird den Aussagen von den Akteur*innen des analysierten Feldes oft wenig Beachtung geschenkt, scheint doch der Quellenwert mündlich tradierter Erzählungen weiterhin unbestimmt. Andererseits gewann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Oral History als machtkritische und demokratische Methode der Geschichtsschreibung an Bedeutung. Einige in der Anfangsphase erhobene Interviews sind selbst zu kanonischen Quellen geworden, die nun auch erneut und weiter beforscht werden könn(t)en.
Im Rahmen der geplanten thewis-Ausgabe möchten wir erproben, wie produktiv es sein kann, Oral History als theaterhistoriografische Methode zu betreiben. Wir wenden uns mit diesem Call an Theaterwissenschaftler*innen, die sich in der frühe(re)n Berufsphase befinden und bereit sind, interview- und gesprächsbasiert zu arbeiten bzw. ihre dadurch gewonnenen Erkenntnisse so an den Fachdiskurs zurückzubinden, dass damit Erzählperspektiven erschlossen, diskursive Lücken identifiziert und bearbeitet oder sogar gängige theaterhistorische Narrative verkompliziert werden.
Wenn Sie sich an der geplanten thewis-Ausgabe beteiligen möchten, würden wir uns bis zum 30. Oktober 2025 über ein Abstract (max. 300 Wörter) und eine Kurzvita freuen. Nach einer Zusage haben Sie bis zum 30. Juni 2026 Zeit, Ihren Beitrag auszuformulieren. Im September 2026 findet ein Workshop statt, in dessen Rahmen die Artikel besprochen und gegenseitig befeedbackt werden. Eine Publikation der fertigen Beiträge ist Ende 2026 geplant.
Senden Sie Ihr Proposal bitte an adam.czirak@univie.ac.at und t.eisele@lmu.de.
Konzeption und Kontakt für Rückfragen
Adam Czirak & Theresa Eisele
adam.czirak@univie.ac.at & t.eisele@lmu.de
Informationen zu thewis
https://theaterwissenschaft.de/thewis/
