Anti | Immersion? Zur Performativität filmischer Erfahrung zwischen Annäherung und Distanzierung
Laura Katharina Mücke
Die Arbeit entwirft einen feministischen, kritisch-phänomenologischen Zugang zu vermeintlich omnipotenten Medienerfahrungsbegriffen – besonders zu dem Begriff „Immersion“. Ihr dient die Frustration über den patriarchalen Gestus vieler Rezeptionsbegriffe – ihre auch politisch gefährliche all-inclusiveness (vgl. McMahan 2003) – als Ausgangspunkt, um eine intersektional gendersensible Politisierung medialer Rezeptionsdiskurse anzuvisieren. Der vielverwendete Begriff Immersion – und viele weitere Rezeptionsbegriffe wie ‚Illusion‘, ‚Empathie‘‚ ‚Spiel‘, interesseloses Wohlgefallen‘ oder ‚Als ob‘ – sind bei aller Kritik an der westlichen Normativität theoretischer Konzepte bislang ‚unschuldig‘ geblieben. Dabei beruht ‚Immersion‘ auf Diskursen naturalistischer, technikdeterministischer, anthropozentristischer, teleologischer und normativer Normalisierung. Vereinfachende Gegenüberstellungen von unterkomplexen Verhältnissen wie Immersion vs. Reflexion, aktive vs. passive Nutzer:innen, Bildung vs. Unterhaltung, Zerstreuung vs. Kontemplation, real vs. virtuell waren bereits im 19. Jahrhundert und sind auch heute dominant. Dass Immersion eng an patriarchale Normsysteme gebunden ist, zeigt sich zudem besonders an der Tatsache, dass Immersionsnarrative bei näherem Blick in historische und zeitgenössische Berichte meistens dazu gebraucht werden, um Medienerfahrungen anderer, gesellschaftlich ‚niedriger‘ gestellter, ‚unfertiger‘ Subjekte (und zwar insbesondere von Frauen, Jugendlichen, Migrant:innen, Arbeitslosen, Indigenen) zu diagnostizieren und diese damit gesellschaftlich zu delegitimieren. Medienkonzepten ist darüber ein – überraschend stabiler – Gestus des Otherings eingeschrieben, der unterkomplexe, pauschalisierende und Ausschluss produzierende Vorstellungen von Gesellschaft, Öffentlichkeit und Subjekt trägt und als normative Bewertungsmuster zementiert. Die Dissertation fragt, ob diese Neutralität von Medienbegriffen nur deshalb möglich bleibt, weil Immersion an das Phantasma eines bürgerlichen, wahrnehmungssouveränen, cis-männlichen Vernunft-Subjekts angeschlossen bleibt und alle anderen Perspektiven von der Theoriebildung ausschließt.
