Veranstaltungsdetails
„Angst ist ein gutes Mittel gegen Verstopfung.“
Lachen ist eine Art epileptischer Anfall, der Spass macht. Erfunden haben es Affenkinder vor acht Millionen Jahren, weil ihre Mütter plötzlich anfingen sie zu kitzeln. Grund dafür war das Problem der Entwöhnung. Kitzeln ist nicht Schlagen und nicht Streicheln, sondern etwas dazwischen, eine hohe kulturelle Leistung in der Mischung von Aggression und Zuwendung. Es bekämpft die Trennungsangst. In der psychoanalytischen Problematik von guter und böser Mutter ist die lustige Mutter eine Alternative. Nicht nur das von flinken Fingern an sensiblen Stellen des Körpers erzeugte, sondern ausnahmslos jedes Lachen entspringt einem Kitzeln. Denn der Mensch ist eine Zwiebel, die an vielen Häuten gekitzelt werden kann. „Little Britain“ kitzelt massiv an der Haut der politischen correctness, Loriot kitzelt an der Höflichkeitshaut, Helge Schneider, ein Anti-Entertainer und Enkel von Dada, kitzelt an der fabrikmäßig hergestellten glatten Unterhaltungshaut. Das Fernsehen ist ein schlechter Kitzler: Wenn Kitzeln auf Entwöhnung, also Selbständigkeit des Gekitzelten zielt, das Fernsehen aber immer sagt „Bleiben Sie dran“, dann ist es ein Kuschelmedium.
Der Vortrag wird einige Hauptaspekte der stark unterschätzten anthropologischen Konstante des Lachens behandeln, die menschheitsgeschichtlich sehr viel länger Medium der Emanzipation ist als das bloße, sich oft mit der Angst verbündende selbständige Denken.
Dr. Rainer Stollmann ist Hochschuldozent für Kulturtheorie und Kulturgeschichte im Fach Kulturwissenschaft an der Universität Bremen.
Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft
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